Predigt zum Thema “Vaterunser”

Thema: Das Vaterunser – mit Zitate aus Wesleys Predigt „Über die Bergpredigt unseres Herrn VI – Predigt 26“ – Lehrpredigten übersetzt von M. Marquardt 

 

Liebe Geschwister, 

 

wie oft habt ihr das Vaterunser schon gebetet?

In jedem Gottesdienst – also bei regelmäßigen Kirchgängern bestimmt 50mal im Jahr -, in jeder Andacht, manchmal vielleicht auch zuhause… ich komme auf eine hohe Summe, wenn ich es ausrechne!

Und das schlägt sich ja auch darin nieder, dass die allermeisten von uns dieses Gebet „im Schlaf“ können, also ohne nachzudenken. Es läuft einfach.

 

Darum möchte ich den Gottesdienst heute einmal nutzen, hier wieder ein wenig Inhalt in das Gebet zu bringen. Dass wir uns darüber bewusst sind, was wir beten, wenn wir mit Jesu Worten beten. Und wir wollen dabei Wesleys Auslegung miteinbeziehen – deshalb ist die Sprache manchmal etwas anders als sonst J

 

Das Vaterunser besteht aus drei Teilen:

- Erst einmal drei Bitten, die Gott und sein Reich betreffen

- Dann drei Bitten für uns und unser Leben

- Dann den Abschluss. Und natürlich hat es auch eine Anrede.

 

  1. UNSER VATER

Jesus beginnt das Gebet mit einer sehr persönlichen Anrede Gottes: Vater.

Wir beten oft ja zum „barmherzigen Gott“ oder zum „Herrn im Himmel“ oder verschiedenen Variationen. Jesus gefällt der „Vater“ am Besten.

Wir dürfen zu Gott kommen wie ein Kind. Vertrauensvoll. Privat und persönlich. Wir dürfen uns darauf vertrauen, vorgelassen zu werden, weil wir nicht zu einem Chef oder einer sehr hochgestellten Persönlichkeit kommen, sondern zum Vater. 

Diese Anrede schafft schon in uns eine Haltung, die wir Gott gegenüber haben dürfen: Offenheit, Nähe, Liebe. „Wir beten, weil wir ihn lieben, und „wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat“.“ (S. 380) schreibt Wesley dazu.

 

Wichtig ist auch das „Unser“. Es ist nicht nur MEIN Gott, sondern unserer. Die ganze Welt hat Anteil an Gott. Die unterschiedlichsten Menschen. Gott liebt alles, was er gemacht hat und ist liebevoll zu jedem Menschen. Es ist kein Ansehen der Person vor ihm, niemand ist mehr oder weniger wertvoll. Auch ich nicht. Dieses „unser“ verpflichtet mich, nicht nur auf mich selbst zu sehen, sondern auch die Interessen der anderen im Blick zu haben und andere zu lieben, wie Gott sie liebt.

 

  1. IM HIMMEL 

Das „im Himmel“ zeigt die andere Seite Gottes: er ist „hoch und erhaben, Gott über allem, gelobt in Ewigkeit. Der du sitzt auf dem Kreis der Himmel und sieht alle Dinge im Himmel und auf Erden: Dessen Auge die ganze Sphäre des Geschaffenen, ja, auch der ungeschaffenen Nacht durchdringt“ (S. 380)
Gott ist da: Nicht (nur) von Anbeginn der Welt, sondern: von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Der Herr und Herrscher aller, der über alles wacht und verfügt; du König der Könige und Herr der Herren, gepriesen und mächtig allein, der du stark und mit Macht gegürtet bist und tust, was auch immer dir gefällt. Der Allmächtige, denn wann immer du etwas tun willst, ist es damit schon geschehen.“ (S 380)

 

Das „im Himmel“ verweist also nach der persönlichen Anrede darauf, dass wir es mit dem großen, einzigen Gott zu tun haben, dessen Macht überall und alle Zeit uneingeschränkt hoch ist. Wir sollten ihm mit Ehrfurcht begegnen und ihm zutrauen, dass er tun kann, was er will. 

 

Dann geht es weiter mit den drei Bitten für Gott:

 

  1. DEIN NAME WERDE GEHEILIGT

Gott hat viele Namen. Die Bibel nennt einige:

- „Das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, der ist und der war und der kommen wird.“ Offb 1,8

- Ich bin der ich bin Ex 3, 14

- Wesley verweist auch auf den Anfang der Bibel. Da steht „Im Anfang erschuf Gott…“ und dieses „Gott“ (Elohim) ist grammatikalisch ein Pluralwort. Aber das Verb steht im Singular. Für Wesley schon ein früher Hinweis auf die Trinität. Und tatsächlich heißt es ja auch: „Der Geist Gottes schwebte über den Wassern“. Gott also immer schon nicht nur einer, sondern drei in einem.

 

Die Namen Gottes verhüllen alle mehr als sie offenbaren. Gottes Name ist nicht greifbar und nicht verfügbar. Er soll im Gegensatz dazu heilig sein.

Und wenn wir darum bitten, dann „bitten (wir) darum, dass er als der erkannt wird, der er ist, von allen, die dazu fähig sind, von allen vernunftbegabten Wesen und mit Empfindungen, die dieser Erkenntnis entsprechen; dass er gebührend verehrt, gefürchtet und geliebt werde von allen oben im Himmel und unten auf der Erde, von allen Engeln und Menschen, die er zu diesem Zweck befähigt hat, ihn zu erkennen und zu lieben in Ewigkeit.“ (S. 381)

 

In dieser Bitte geht es also darum, dass die ganze Schöpfung erkennt, wer Gott ist in seiner Heiligkeit.

 

  1. DEIN REICH KOMME

Wir beten viel darum, dass Gottes Reich komme, v.a. wenn wir seufzen oder traurig sind oder verzagen in dieser Welt, die so von Bösem durchdrungen ist. Schon die Offenbarung macht uns das ja vor, wenn es heißt „Maranatha, komm bald!“ — Irgendwann wird das Reich Gottes vollständig da sein und darum sollen  wir bitten.

Aber die Bibel bezeugt uns, dass das Reich Gottes jetzt schon da ist. Es wächst langsam und stetig wie das Getreide oder der Senfbaum. Es kommt zu jedem Menschen, der umkehrt und an das Evangelium glaubt. Es beginnt im Herzen der Menschen, die glauben.

Wenn wir beten „Dein Reich komme“, dann beten wir darum, dass dieses Reich größer und größer wird, mehr und mehr Menschen sich anschließen. Wir beten darum, dass das Kommen des Reiches sich beschleunigt und dass alles, was gegen das Reich steht – Elend, Sünde, Krankheit, Tod – endgültig besiegt werden.

 

Wesley: „Allen, die sein „Erscheinen lieben“, geziemt es, darum zu beten, dass er die Zeit beschleunige, dass dieses sein Reich, das Reich der Gnade, schnell komme und alle Reiche der Erde verschlinge, dass alle Menschen, die ihn als ihren König annehmen und aufrichtig an seinen Namen glauben, mit Gerechtigkeit, Friede und Freude erfüllt werden, mit Heiligkeit und Glückseligkeit, bis sie von hier in sein himmlisches Reich hinweg genommen werden, um dort mit ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit zu regieren.“ (S. 382)

 

  1. DEIN WILLE GESCHEHE

Wo das Reich Gottes gekommen ist, dort geschieht auch der Wille Gottes, weil Christus bei den Menschen und in der Welt wirkt. 

Aber es geht nicht automatisch. Ein Mensch muss diesen Willen Gottes auch willentlich tun. Ich muss mich dafür entscheiden, so zu leben, wie Gott es will.

Und dann ist es eine Sache, die ich nicht morgens zwischen 6 und 7 Uhr abhandeln kann, sondern die einen ganzen Tag, mein ganzes Leben durchdringt. Ich kann nicht Pausen machen oder Zeiten ausnehmen, z.B. im Urlaub „die Sau rauslassen“.

Und ich sollte versuchen, darin vollkommen zu werden. Das ist auch etwas speziell Methodistisches: diese Zuversicht, dass wir immer besser werden in der Heiligung in unserem Leben. Ich übe mich also darin und das trägt Früchte.

Und wir sollten den Willen Gottes mit ganzem Herzen tun.

Also: willentlich – unaufhörlich – vollkommen – den ganzen Willen 

- so, stellt sich Wesley vor – tun auch die Engel den Willen Gottes.

 

Und es geht in dieser Bitte ja nicht nur um mich, sondern darum, dass alle Menschen den Willen Gottes mehr und mehr tun.

 

Mit anderen Worten: Wir bitten, dass wir und alle Menschen in allem den ganzen Willen Gottes und nicht anderes tun, selbst im Kleinsten nur das, was der heilige und wohlgefällige Wille Gottes ist. Wir beten, dass wir den ganzen Willen Gottes tun, WIE er es will und wie es ihm gefällt, und dass wir ihn tun, WEIL es sein Wille ist. Das allein soll Grund und Ursache, das ganze und einzige Motiv dessen sein, was wir denken, sagen und tun.“ (S. 383)

 

Nach diesen drei Bitten darum, dass Gottes Name, sein Reich und sein Wille groß gemacht werden, geht es jetzt um unsere Bedürfnisse.

 

  1. UNSER TÄGLICHES BROT

Hier möchte ich mich nicht lange aufhalten. Unter das „tägliche Brot“ fällt alles, „was für unsere Seele und unseren Körper nötig ist“ (S. 384), also nicht nur das Brot aus Getreide, sondern auch die geistliche Nahrung, das, von dem wir innerlich leben: die Gnade Gottes, die Speise zum ewigen Leben.

Und wir bitten jeden Tag nur um das, was für diesen einen Tag ausreicht. Der Rest ist ohnehin in Gottes Hand.

 

  1. VERGIB UNS UNSERE SCHULD… — WIE AUCH WIR VERGEBEN

Warum ergeht es uns oft so übel? Warum müssen wir sterben? Nach biblischem Zeugnis ist es unsere Schuld, die Gottes Güte hindert und unseren Tod zur Folge hat. Also bitten wir darum, dass Gott uns diese Schuld vergibt. Wesley nimmt zur Veranschaulichung ein Gleichnis aus Mt 18 zu Hilfe.

 

… jede Sünde (lädt uns) eine neue Schuld vor Gott (auf), dem wir tatsächlich bereits zehntausend Talente schulden. Was können wir ihm denn antworten, wenn er sagen wird: „Bezahle, was du schuldig bist!“? Wir sind ganz und gar zahlungsunfähig; wir haben nichts, mit dem wir bezahlen könnten; wir haben unser ganzes Gut vergeudet. Wenn er uns deshalb streng nach seinem Gesetz behandelte, wenn er verlangte, was er gerechterweise könnte, dann müsste er befehlen, dass wir „an Händen und Füßen gebunden“ und „den Folterknechten übergeben würden“. (Mt 18)

Tatsächlich sind uns bereits Hände und Füße durch die Ketten unserer eigenen Sünden gebunden. Im Blick auf uns sind das Ketten aus Eisen und Fesseln aus Messing. Sie sind Wunden, mit denen uns die Welt, das Fleisch und der Teufel verletzt und verstümmelt haben. Sie sind Krankheiten, die uns Blut und leben aussaugen und uns in die Kammern des Todes hinabführen. Aber im Blick auf Gott sind sie unmessbare und unzählbare Schulden. Wenn wir nun sehen, dass wir nichts haben, mit dem wir bezahlen könnten, lasst uns zu ihm rufen, er möge sie uns „erlassen und vergeben“.“ (S. 385)

 

Und wir haben guten Grund, denn in der Bibel steht: „Da es nun keine Verurteilung derer gibt, die in Christus Jesus sind“ (Röm 8,1) sind sie auch von Schuld und Sünde befreit. — Wir bitten im Vaterunser darum.

 

Aber halt! Hier gibt es im Vaterunser eine Bedingung, in welchem Maß und auf welche Weise wir Gottes Vergebung erwarten können. Nur wer auch anderen vergeben kann und zwar von Herzen und ohne Groll, der wird auch von Gott Vergebung empfangen.

Unsere Schulden werden nur vergeben, wenn und wie wir anderen vergeben.

Wie können wir Gott um Vergebung bitten, wenn wir nicht selbst auch dazu bereit sind? Wesley wird hier sehr eindringlich: dieser Abschnitt des Vaterunsers könnte nämlich auch heißen: „ „Vergib uns auf keinen Fall, wir wollen keine Gnade von dir. Wir bitten darum, dass du unserer Sünden gedenkst und dass dein Zorn über uns bleibe.“ Aber könnt ihr ernsthaft so zu Gott beten? Hat er euch dann nicht schon lebendig in die Hölle geworfen? Oh, versucht ihn nicht länger!“ (S. 386)

 

Vergib uns unsere Schuld – wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

 

  1. FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG – ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN

Was ist denn gemeint mit „Versuchung“? Prüfung ist gemeint.

Gott versucht uns nicht (Jak 1, 13–14 Gott selbst versucht niemanden), aber wir selbst lassen uns immer wieder versuchen durch unser eigenes Ego, unsere Bequemlichkeit, durch andere Menschen = durch den Teufel.

Wir bitten darum, dass er es nicht zulässt, dass wir in die Prüfung hineingeführt werden. Oder dass er uns mindestens in diesen Prüfungen führt. Dann können wir auch mit der Zeit besser werden im Widerstehen. 

 

Und wenn wir darum bitten: „Erlöse uns von dem Bösen“ dann ist damit gemeint, dass genau diese Macht, die uns immer wieder in Versuchung führen will, seine Finger von mir lässt und gebrochen wird.

Alle, die Kinder Gottes sind durch den Glauben, sind aus seinen (des Teufels) Händen befreit. Er mag gegen sie kämpfen, und das wird er. Aber er kann sie nicht besiegen, es sei denn, sie verrieten ihre eigene Seele. Er mag sie eine Zeitlang quälen, aber er kann sie nicht vernichten, denn Gott ist auf ihrer Seite, der schließlich nicht versäumen wird, „seinen Auserwählten Recht zu schaffen, die Tag und Nacht zu ihm rufen“.“ (S. 387)

 

Gott befreie uns von dieser Macht, die immer wieder versucht, über uns Herrschaft zu erlagen und uns zu ruinieren.

 

  1. DOXOLOGIE

Und den Schluss des Herrengebets macht eine feierliche Danksagung und eine Zusammenfassung der Eigenschaften Gottes, die zugleich wie ein Bekenntnis ist:
Dein ist das Reich – um das wir bitten! / Dein ist die Kraft – von der wir leben.

Dein ist die Herrlichkeit – wir beten nur dich alleine an

Von Ewigkeit zu Ewigkeit – immer, zu allen Zeiten.

Amen = So sei es. Der Gebetsschluss, der ein Gebet abschließt und Gott darum bittet, dass er geschehen lässt, um was ich bitte.

 

Liebe Geschwister, ihr merkt: Es ist ein großes Gebet. Keines, das sich in den Alltäglichkeiten verliert. Und doch hat es den Alltag im Blick. 

Wir wollen es immer wieder beten in aller Tiefe, die es hat.

Und wir wollen auch danach leben. Amen.